Hans Rudolf Schneebeli: «Ursula Mumenthaler in der Galerie
Ulrike Buschlinger». In: Kunstbulletin, avril  2001, p.50

Besprechung
Seit den achtziger Jahren setzt sich Ursula Mumenthaler (*1955) mit der Wirklichkeit des Sehens auseinander. Haben sich ihre Erkundungen vorerst auf leerstehende Fabriken, Hotels, Garagen und Schulhäuser ausgeweitet, ergab sich eine gesuchte Eingrenzung und damit ein Neueinstieg zu einer veränderten Arbeitsmethode durch die Verwendung einer Box, eines kaum mannshohen Kartonmodells.
Ursula Mumenthaler in der Galerie Ulrike Buschlinger
von Hans Rudolf Schneebeli

Malerei war bei den frühen Installationen wesentlicher Bestandteil. Malerei wurde gewissermassen primäres, raumveränderndes «Mobiliar». Durch sie und mit ihr liess sich die bestehende Architektur so verändern, dass die Wirklichkeit infrage gestellt, mit einem fiktiven Raum unterlaufen wurde. Der entscheidende Schritt, den Ursula Mumenthaler vollzog, lag darin, die entstandene Raumsituation als Fotografie festzuhalten, das Bestehende und vom menschlichen Auge registrierte durch den Spiegel der Kamera als Abbild des Bildes wiederzugeben. Dieser Schritt bedingt die Hinfälligkeit des Originals, das vernichtet wird. Das Bild ist das Foto als Abbild, im Cibachrom-verfahren «mit seiner eisigen Präzision» (Claude Ritschard). Indem sich die Künstlerin zwar vom Begriff des Tafelbildes löste, stellte sich gleichwohl die Frage, wo sich der Anschluss an die Tradition finden liesse. Das Prinzip von Raumveränderung durch Malerei ist an sich keineswegs neu; wir finden es beispielsweise schon beim Schweizer Toroni. Im Unterschied zu Toroni lässt sich der räumliche Eingriff von Ursula Mumenthaler jedoch nicht als Eingriff in die Architektur, sondern als eigentlicher Einbruch in sie auffassen. Die Architektur wird in ihrer räumlichen Gegebenheit auf- und eingerissen. Damit handelt es sich nicht allein um die Relativierung des Sehens, sondern ebenso um die Problematik einer vollständigen Integration von Malerei und Raum, zum Unterschied einer Integration von Malerei in Raum, sei es in Form des Tafelbildes oder als Zusatz, beziehungsweise Ornamentalisierung von Architektur. Wenn sich diese Tendenz in den frühen Installationen auch noch nicht eindeutig manifestiert, schält sie sich eindeutig in den letzten Fotografien heraus, von denen eine Gruppe bei Buschlinger zu sehen ist.Mittels des Modells lassen sich nunmehr beliebig viele konzeptuelle Illusionsräume unabhängig von «realen» Bedingungen schaffen. Doch sind auch sie von einem mehrmonatigen Arbeitsprozess geprägt, der mit der Fotografie abgeschlossen wird. Die wenigen Abzüge, Abbilder des ursprünglichen Bildes, lassen sich am ehesten charakterisieren als «Metamorphosen des Seins in der Vision» (Merleau-Ponty). Licht, Beleuchtung, Schatten, Reflexe, Farbe, all diese Bestandteile der Recherche sind nicht Wirklichkeit. Wie Phantome haben sie keine andere Existenz als die visuelle. Deshalb bewegt sich die Kunst Mumenthalers auf der Schwelle profanen Sehens, das als Spiegelbild der Kamera stets ins Virtuelle kippt, sich jedoch ebenso der Frage nach Malerei innerhalb ihrer räumlichen Verwirklichung stellt.